Inception – Nachkritik

Nach der ersten Euphorie, mehreren Diskussionen (teils geführt, teils nur gelesen) und ca. 6 Monate später, war es an der Zeit Inception einer erneuten Sichtung zu unterziehen und diesmal lag das Augenmerk vor allem auf den in den Diskussionen besprochenen Punkten wie z.B. Logikfehler, Ende, Setting u.ä.

Ich werde hierbei nur auf das eingehen, was man auch im Film selber an Informationen geliefert bekommt. Zusätzliche Informationsquellen wie die Comics, werde ich nicht in die nähere Betrachtung mit einbeziehen. Diese sind für ein besseres Verständnis aber durchaus zu empfehlen, ebenso wie das käuflich erwerbbare Shooting Script oder hier als PDF (kein Gewähr auf Authentizität).

An dieser Stelle spreche ich eine deutliche Spoiler-Warnung aus, da im kommenden Text einiges vom Film verraten wird. (auch wenn der Großteil ihn schon gesehen haben dürfte)

Fangen wir als Erstes mit dem „offensichtlichsten“ Fehler des ganzen Films an, durch welchen der Film an sich vollkommen überflüssig wird und das ist die Tatsache, dass Dom Cobb seine Kinder nicht sehen kann, da er nicht nach Amerika einfliegen kann auf Grund dessen, dass 1. Cobol Engineering nach ihm sucht (fehlgeschlagener Saito-Job) und 2. er auf Grund eines Briefes von Mal (*) gesucht wird.

(*) Beides mal Mal während des Gesprächs im Hotel an ihrem Jahrestag:

I filed a letter with our attorney. Explaining how I’m fearful for my safety, how you’ve threatened to kill me…

I love you, Dom. I’ve freed you from the guilt of choosing to leave them. We’re going home to our real children.

Die einfachste Lösung wäre, Cobb lässt seine Kinder einfach von Amerika aus in ein Land seiner Wahl fliegen. Was sich allerdings als nicht ganz so einfach herausstellt, wie folgende Zitate zeigen werden:

INT. GREAT HALL, ÉCOLE D’ARCHITECTURE – MORNING
Miles: Is it safe for you to be here?
Cobb: Extradition between France and the U.S. is a bureaucratic nightmare.
Miles: I think they’d find a way to make it work in your case.

INT. WORKSHOP – CONTINUOUS
Cobb: I’ve got to talk to Eames.
Arthur: Eames? But he’s in Mombasa. Cobol’s backyard.

INT. STREET, MOMBASA – CONTINUOUS
Eames: Word is, you’re not welcome in these parts.
Cobb: Yeah?
Eames: There’s a price on your head from Cobol Engineering. Pretty big one, actually.

EXT. BALCONY OF A COFFEE HOUSE – LATER
Eames: Once you’ve lost your tail. (Cobb reacts) Back by the bar, blue tie. Came in about two minutes after we did.
Cobb: Cobol Engineering?
Eames: They pretty much own Mombasa.

Dazu kommt, dass die Großmutter von Cobb’s Kindern gegen Cobb ist, da sie Mal’s Mutter war und auf Grund der Vorkommnisse eher ablehnend gegenüber Cobb ist, was man während einem Telefongespräch – welches er in Kyoto nach dem Saito-Job führt – mitbekommt. Hier wird ihm auch Miles nicht wirklich helfen können.

Somit ist es eher unwahrscheinlich, dass Cobb seine Kinder in Staaten einfliegen lässt, die ein Ausweisungsabkommen mit den USA haben, die Cobol Engineering de facto gehören oder in dem sie größeren Einfluß haben. Auch Japan bzw. Asien ist keine Option, da Saito als Geschäftsführer eines der zwei größten Energieunternehmen in dieser Gegend sehr großen Einfluß hat und er sich – auch auf Grund des Saito-Jobs – um das Schicksal von Cobb und seine Gefährten nicht kümmert:

Cobb shakes his head. Saito’s BODYGUARDS PULL Nash from the chopper. Saito motions Cobb and Arthur to sit. The chopper RISES. Cobb watches Nash DRAGGED across the pad.
Cobb: What will you do to him?
Saito: Nothing. But I can’t speak for your friends from Cobol Engineering.

Die Hinweise und Andeutungen im Film über Cobb’s Lage, sein „Verbrechen“ und über seine Verfolger mögen simpel und vor allem vage sein, aber insgesamt runden sie das Bild ab und der Vorwurf „Logikfehler“ kann durchaus für nichtig erklärt werden.

Die zweite Sache die vielen negativ aufgestoßen ist, ist die Tatsache, dass die Traumwelten viel zu real und nüchtern wirken.
Nun, dieser Vorwurf ist durchaus berechtigt und lässt sich auch nicht leugnen. Allerdings hat dies einen ganz spezifischen Hintergrund und dieser nennt sich „dream-sharing“.
Das „dream-sharing“, welches im Film sowohl für eine Extraction, als auch für eine Inception genutzt wird, funktioniert nach gewissen Prinzipien die eingehalten werden müssen. Wichtig ist vor allem, dass das Ziel (The Mark oder The Subject) und dessen Unterbewusstsein nicht bemerken sollen, dass sie sich in einem Traum befinden. Dies wird deutlich als Cobb Ariadne in das „dream-sharing“ einführt und sie (beim zweiten Traum) ohne Umschweife anfängt Paris nach ihrem Gutdünken drastisch zu verändern und Cobbs Unterbewusstsein anfängt sich dagegen zu wehren, was letztendlich dazuführt, dass Ariadne von Mal (The Shade) im Traum getötet wird.
Dies ist der Dreh- und Angelpunkt des Kritikpunktes. Es ist natürlich richtig, dass die Traumwelten viel zu real wirken. Nimmt man jetzt aber die Hintergründe des „dream-sharing“, so wird einem durchaus bewusst, warum dies so realisiert wurde und nicht anders.
Hier spielt allerdings auch eine Rolle, dass Nolan das Thema Traum komplett entmystifiziert, jeglicher Traumdeutungsphilosophie und -lehre entbehrt und es eher auf eine rein technische Ebene herunterbricht. (Immerhin hat das Militär das „dream-sharing“ zuerst für sich entdeckt und entwickelt und auf Kinkerlitzchen wie Mystik, Traumdeutung etc. kann es getrost verzichten.)

Weiterhin wurde bemängelt, dass der Film zuviel Action beinhaltet und dadurch für den ein oder anderen ins Lächerliche gezogen wird. (siehe South Park-Folge Insheeption)
Hier muss man bedenken, dass der Film trotz Traumsetting und Sci-Fi immer noch das Heist- und Actiongenre bedient und für die Actionsequenzen während des Fisher-Jobs auch selber den Grundstein legt. Denn in der Welt in der Inception spielt, ist „dream-sharing“ gängiges Mittel um an geheime Informationen zu gelangen, worauf potentielle Opfer entsprechend geschult werden (das Unterbewusstsein bzw. die Sub-Cons werden u.a. militarisiert) um einer möglichen Manipulation entgegenzuwirken.
Zumal ich die Fülle an Actionsequenzen als durchaus erträglich erachte und sie sich im Rahmen halten.

Über die ganzen Physik- und Traumdiskussionen, wie was warum innerhalb eines Traumes funktioniert, fange ich hier an dieser Stelle nicht an, denn für mich war vieles in sich schlüssig. Und sollte es doch Ungereimtheiten gegeben haben, so sind diese mir nicht aufgefallen bzw. ich hab dann nicht wirklich darauf geachtet. Vielleicht ein andermal.

Auch das Ende ist ein Punkt bei dem sich die Geister scheiden und es ewig lange Diskussionen und Erörterungen gibt.
Ich belasse es nach dem zweiten Sehen dabei, dass sich hier jeder ein eigenes Bild machen soll, von dem er denkt, dass es das „richtige“ Ende ist. Denn ob Realität oder nicht, ist nicht die eigentliche Aussage des Endes. Nolan selber sagt dazu:

There can’t be anything in the film that tells you one way or another because then the ambiguity at the end of the film would just be a mistake … It would represent a failure of the film to communicate something. But it’s not a mistake. I put that cut there at the end, imposing an ambiguity from outside the film. That always felt the right ending to me — it always felt like the appropriate ‘kick’ to me….The real point of the scene — and this is what I tell people — is that Cobb isn’t looking at the top. He’s looking at his kids. He’s left it behind. That’s the emotional significance of the thing.

(via)

Inception ist ein Film der seiner Vorschußlorbeeren und seinem Hype nur teilweise gerecht wird, denn die eigentliche Geschichte des Films ist doch relativ banal. Einzig das Konstrukt in dem die Geschichte verpackt ist, ist relativ komplex, bedarf aber keiner wirklich großartigen Intelligenz um den Film zu verstehen. Somit ist auch der folgende Vorwurf durchaus angebracht bzw gerechtfertigt:

[…] und mit ihr ein Popcorn mampfendes Massenpublikum so zu begeistern, dass selbst noch der hinterletzte Vollhorst den Abspann in dem Glauben runterrasseln sieht, etwas außergewöhnlich Komplexes und Unbegreifliches gesehen zu haben.

(Zitat von Mr. Vincent Vega’s Kritik zu Inception)
Gerade hier liegt Inception ein Stück hinter Nolans The Prestige zurück.
Auch wenn der Film technisch und inszenatorisch über jeden Zweifel erhaben ist, so ist es gerade Nolans „Technokratismus“ und Perfektion, die ihn durchaus als zu steril und fantasielos erscheinen lassen können. Hätte man aus dem Thema Traum (im gesteckten Rahmen) doch sicherlich weitaus mehr herausholen können, wenn man nur gewohlt hätte.

Müsste ich den Film im Nachhinein erneut bewerten, so würde er eine 8,5 bzw. eine 9 erhalten.
Die geringe Änderung begründet sich darin, dass der Film mich trotz allem auch beim zweiten Mal sehr gut unterhalten hat und ich über gewisse Dinge in Anbetracht der Umstände einfach hinwegsehen kann.
Er ist nicht der beste Film von Nolan oder der beste Film des Jahres 2010, aber er ist für mich ein sehr guter und vor allem interessanter Film.

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