Black Swan (Rezension)

Black Swan, einer der Filme des Jahres 2010 (umjubelter Eröffnungsfilm bei den 67. Filmfestspielen in Venedig, Beitrag bei anderen Filmfestspielen und von Kritikern durchweg gelobt), feierte am 20.01.2011 endlich seine Premiere hier in Deutschland. Zeit für mich also, ihn auch endlich anzuschauen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die zierliche Balletttänzerin Nina Sayers. Sie hat ihr noch junges Leben völlig dem Ballett geopfert und bekommt nun die größte Chance ihres Lebens – die Hauptrolle in „Schwanensee“. Doch vorher muss sie sich mit ihrer überfürsorglichen Mutter, ihrem Ballett-Regisseur, ihrer Konkurrentin/Kollegin/Freundin Lily und vor allem mit sich selbst und ihrer psychischen Störung auseinandersetzen. Was ihr bleibt um ihren Problemen zu entfliehen ist die Kunst. So scheint sich Nina im Verlauf des Films mehr und mehr selbst aufzugeben, um vollends mit ihrer Rolle zu verschmelzen.

Quelle: unoculus.wordpress.com

Die Geschichte von Black Swan ist nicht neu, denn es ist Aronofsky’s ganz eigene Neuinterpretation von Tschaikowskis Schwanensee und bietet sowohl in seiner Handlung als auch bei seinen Charakteren gewisse Parallelen. Auch ist sie weder werte- noch vorurteilsfrei und bedient die gängisten Klischees (treibende Mutter, Bulimie, Intrigen, etc.) rund um das Thema Ballett. Das man dies nicht für bare Münze nehmen sollte ist nur logisch. Auch die überzeichnete heile Welt, wie sie als Gegendarstellung genutzt wird um dem Film den Wind aus den Segeln zu nehmen ist nicht für bare Münze zu nehmen. Ballett ist Hochleistungssport und wie bei anderen Hochleistungssportarten gibt es den typischen Kampf um die besten Plätze und um Anerkennung, mit all seinen Konsequenzen. So auch in Black Swan.
Parallelen lassen sich aber auch zu Werken wie Repulsion oder The Red Shoes ziehen, zumal gerade in Repulsion die Thematik der sexuellen Unterdrückung wesentlich eindringlicher behandelt wird als in Black Swan. Dazu kommt auch die in Black Swan behandelte Misogynie als Teil des „Horrors“ der von ihm ausgeht, welche sich durch verschiedene Schlüsselelemente – die Mutter, das Tanzen, die Jungfrau-Hure-Dichotomie, dem Lesbianismus oder die Unterwürfigkeit gegenüber dem dominanten Direktor – im Film bemerkbar macht und die bedrückende Atmosphäre eines erdrückend entmachtenden Systems verdeutlicht. Dem zu Gute kommt vor allem Aronofsky’s Inszenierungsstil, welcher sich während seiner Filme selten geändert hat, bis auf die Ausnahme The Wrestler. Subtilität versucht man trotz seiner Einordnung in Genres wie Horror oder Mysterythriller vergeblich zu finden. Viel mehr arbeitet Aronofsky mit gnadenlos direkten Schockelementen und einfachsten „psychologischen“ Taschenspielertricks (die obsessive Mutter die nicht von ihrer Tochter loskommt, Rorschach-Motive im Film, [repetive] Spiegelszenen etc.); was nicht unbedingt schlecht oder unangebracht sein muss.
Es ist vielmehr die eingesetzte Mischung aus der klischeebehafteten Darstellung der Ballettwelt und dem simplizifierten, direkten Horror, welche den psychologischen und körperlichen Stress sowie die charakterliche Zerrissenheit (Schizophrenie ist der große thematische Aufhänger) der Protagonistin Nina so gekonnt darstellt. Auch die Qual von Schönheit und Perfektion die durch die furchteinflößende Linie zwischen Lust und Schmerz entsteht bekommt der Zuschauer direkt zu spüren.

All das wird stets getragen von dem unbeschreiblichen Schauspiel von Natalie Portman. Liefert sie in Black Swan ihre wohl zweitbeste Leistung seit sie damals als kleines Mädchen Politiker noch mit einem Scharfschützengewehr getötet hat. Es sind weniger ihre körperlichen Veränderung (20 Pfund weniger Gewicht, sehr drahtig und austrainiert), als vielmehr ihre unprätentiöse Darstellung der zierlichen Ballerina, die auf Grund von Disziplin, Aufopferung, Selbstaufgabe und zu hohen Ansprüchen mit ihrer eigenen psychischen Zerrissenheit zu kämpfen hat. Trotz der Oberflächlichkeit ihres Charakters, nimmt man ihr ihre Rolle vollständig ab. Daneben ist aber auch nicht zu unterschätzen, dass sie – dank 9-jährigem Balletttraining und einem rund einjährigem Auffrischungstraining vor Drehbeginn – den Großteil ihrer Choreografien selber tanzt.
Trotz der unglaublichen Präsenz von Portman – ist sie doch in fast jeder Szene zu sehen – sind es aber auch Vincent Cassell, Barbara Hershey oder Mila Kunis die zu dem Film beitragen und Portman zu unterstützen. Sehr schade fand ich allerdings, dass die wunderbare Winona Ryder so wenig Spielzeit bekommen hat.

Technisch ist der Film hervorragend; sei es sein teils dokumentarischer Stil um die Personen darzustellen und näherzubringen, die gefilmten Tanzsequenzen oder viele der handwerklich großartigen Spiegelszenen in denen die Szenerie als Ganzes erfasst oder in sich gespiegelt wird. Erwähnt sei hier auch die sehr sehenswerte Eröffnungssequenz des Films.

Musikalisch wird Aronofsky wieder einmal von Mansell; Black Swan ist die aktuell fünfte Zusammenarbeit von beiden.
Mansell’s Filmmusik besteht zu Teilen aus Tschaikowski’s Original, welcher als Grundlage nutzt und sie modifiziert, neu arrangiert und erweitert. Dabei rausgekommen ist eine ruhige, brachiale und teils verstörende Filmmusik, welche sich sehr gut an Aronofsky’s Interpretation anpasst und sie sehr gut unterstützt.

Zugegeben, der Film hat mit Oberflächlichkeiten, Klischees und „Holzhammermethoden“ zu kämpfen und kann dadurch nicht gänzlich überzeugen, aber Dinge wie Subitilität, Werte-oder Vorurteilsfreiheit oder Zurückhaltung waren noch nie Aronofsky’s Stil. Seine Filme zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie sehr direkt und sehr einfach und teils visuell großspurig sind. So auch Black Swan und es funktioniert, sehr gut sogar.
Seine Schwanensee-Interpretation ist ein visuell starker und sehr direkter Film, der aber vor allem durch die Leistung Portman’s lebt.
Allerdings muss er sich auf Grund gewisser Parallelen Gleichnisse gefallen lassen, denen er so nicht standhalten kann. Möglicherweise hätte Aronofsky hier doch ein wenig an seinem Stil ändern sollen.
Nichtsdestotrotz hinterlässt Black Swan – wenn man sich auf den Film einlässt – einen entsprechenden Eindruck.

8/10

Filminformationen:
Regisseur: Darren Aronofsky
Autor: Andres Heinz, Mark Heyman, John Mc Laughlin
Herstellungsland: USA
Genre: Drama, Thriller
Besetzung: Natalie Portman, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Mila Kunis, Winona Ryder
Starttermin DE: 20. Januar 2011

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4 Antworten auf Black Swan (Rezension)

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  3. David sagt:

    Sehr schön, muss ich auch noch was zu schreiben. Wobei ich von diesen ganzen psychologischen Hintergründen echt keine Ahnung habe :)
    Btw: So viele Fremdwörter und so benutzen und dann „Ballett“ falsch schreiben 😉

    • mitcharts sagt:

      Hehe, danke für den Hinweis. :) Bin da wohl beim engl. Begriff hängen geblieben. Hab das mal fix korrigiert.

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