Stereoskopie – Bereicherung oder sinnfreie Technologie

Das Thema Stereoskopie im Allgemeinen ist nicht sonderlich neu und reicht bis ins 4. Jahrhundert vor Christus zurück. Nach vielen neuzeitlichen Versuchen (bekanntestes Beispiel ist wohl das Anaglyphenverfahren), erlangte die Stereoskopie im Jahr 2009 vor allem durch James Cameron’s Film Avatar wieder mehr an Bedeutung – der erste, komplett in stereoskopischem 3D gedrehte Film, mit Cameron’s eigens dafür entwickeltem Camera Fusion System.
Der neuerliche Hype nimmt dabei ungeahnte Züge an; 3D-Fernseher, Spiele in 3D (Nvidia 3D Vision, AMD HD3D), Konsolen bzw. Handhelds mit Stereoskopie-Technologie, Zunahme der Anzahl der 3D-Filme und so weiter.
Der Augenmerk dieses Kommentars liegt aber vordergründig auf dem Thema Film, weshalb ich die anderen Bereiche nicht mit einbeziehen werde. Weiterhin werde ich die aktuell übliche Bezeichnung „3D“ für Stereoskopie nutzen.

Ich möchte zu Anfang auch anmerken, dass ich bei meiner Ausführung weder auf die technischen, noch auf die physiologischen Hintergründe in Bezug auf „3D“ eingehen werde. Ich empfehle dafür als Einstieg die Lektüre folgender Wikipedia-Artikel:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stereoskopie
http://de.wikipedia.org/wiki/Visuelles_System
http://de.wikipedia.org/wiki/Stereoskopisches_Sehen
http://de.wikipedia.org/wiki/Binokularsehen
http://de.wikipedia.org/wiki/Raumwahrnehmung
http://de.wikipedia.org/wiki/Dichoptisch
http://de.wikipedia.org/wiki/3D-Film
http://de.wikipedia.org/wiki/3D-Kamera
http://de.wikipedia.org/wiki/RealD
http://de.wikipedia.org/wiki/Raumbildprojektion

Was ist den nun der große Vorteil von 3D gegenüber 2D? Nun, der Vorteil liegt schon anhand der zwei Bezeichnung auf der Hand. 3D ermöglicht uns dank unserer Fähigkeit des stereoskopischen Sehens ein gesteigertes Wahrnehmen von Raum und Tiefe in einen Film; eindrucksvoll bewiesen – für den damaligen Stand der Technik – hat dies der eingangs schon erwähnte Film Avatar von James Cameron; selbst die 2D-Version wirkt schon unglaublich dreidimensional. Zwei weitere Filme die sich diesen Vorteil durchaus zu nutzen machen, sind PINA von Wim Wenders und Cave Of Forgotten Dreams von Werner Herzog.
Weitere Vorteile ergeben sich daraus aber leider nicht, sondern es ist eher das Gegenteil der Fall.

Die durch die Nutzung dieser Technologie entstehenden Nachteile, lassen sich sehr gut in 4 Kategorien unterteilen: Technisch, Körperlich, Filmisch und Finanziell. Dabei gehen die Kategorien „Technisch“, „Körperlich“ und „Filmisch“ teilweise Hand in Hand, da sie sich bedingen und aufeinander aufbauen.

Kommen wir als erstes zu den technischen Nachteilen: Hier sollte man zuerst zwischen konvertiertem 3D und echtem 3D unterscheiden, denn konvertiertes 3D wird nie die Qualität von echtem 3D erreichen. Bei der 3D-Konvertierung wird das in 2D gefilmte Ausgangsmaterial während der Post-Produktion auf 3D hochgerechnet, wodurch später beim Projizieren des Filmes auf die Leinwand sogenanntes Ghosting entstehen kann.
Der zweite Punkt ist, dass wir auf Grund unseres visuellen Systems gezwungen sind für das Sehen von 3D sogenannte Polfilter- oder Shutterbrillen zu tragen – in Kinos kommt hauptsächlich die Polfilterbrille zum Einsatz. Daraus ergeben sich zwei weitere Nachteile, ein durch die Shutterbrille verursachtes Flimmern (was aber auch bei Polfilterbrillen auftreten kann, hier sind dann Projektor und Leinwand „schuld“) und verfälschte Helligkeits- und Kontrastwerte.
Ein weiterer Punkt ist, dass 3D-Kamerasysteme noch keinen natürlichen Sehvorgang imitieren können, sondern Fokus und Schärfentiefe durch den Regisseur vorgegeben werden. Dies mag ein streitbarer Punkt sein – auch im Hinblick auf die Übertragbarkeit auf 2D, aber er ist wichtig für die nachfolgende Argumentation.

Der letzte Punkt der technischen Kategorie bedingt den folgenden Punkt der Kategorie „Körperlich“:
Durch das Filmen in 3D mit fixem Fokus und fixer Schärfentiefe, sowie der Projizierung des Films auf eine flache Leinwand, ergibt sich das Problem, dass das visuelle System mit einer verzerrten Wirklichkeit zurecht kommen muss. Dies hat zur Folge, dass das visuelle System permanent arbeitet um diese verzerrte Wirklichkeit zu verarbeiten. Das Endresultat sind Kopfschmerzen und teilweise auch Übelkeit. Hinzu kommt auch, dass das 3D schon bei geringen Sehdefiziten nicht gänzlich wahrgenommen werden kann.

Filmisch bietet 3D bis auf den dargestellten Vorteil nichts. Der Großteil der Filme, die auf 3D setzen, bestechen durch ein repetives Einsetzen eines Repertories der immer gleichen Effekte und das ohne dabei sonderlich innovativ oder künstlerisch zu wirken. (siehe [3])
Es gibt zwar Stimmen die sagen, dass es entscheindend ist ob und wann die Entscheidung getroffen wird 3D einzusetzen, da dies bedeutend ist dafür ob es ein guter oder schlechter 3D-Film wird, aber ich bin da gänzlich anderer Meinung. An dieser Stelle möchte ich gerne zwei Zitate anbringen die verdeutlichen sollen, warum das Filmen in 3D wenig Sinn ergibt und diese als Gegenargumente anbringen:

Der Filmmacher komponiert wie die meisten visuellen Künstler in drei Dimensionen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er versucht, dreidimensionale (oder stereoskopische) Informationen weiterzugeben. Es bedeutet, dass es drei Codes der Komposition gibt: Einer betrifft die Bildebene (natürlich vor allem, denn das Bild ist schließlich zweidimensional). Einer beschäftigt sich mit der Geographie des Raumes, der fotografiert wird (seine Ebene ist parallel zum Boden un zum Horizont). Der dritte betrifft den Bereich der Tiefenwahrnehmung, der senkrecht zur Bildebene und der geographischen Ebene steht. […] Die Bildebene muss selbstverständlich dominieren, da sie die einzige Fläche ist, die wirklich auf der Leinwand existiert. Der Aufbau dieser Ebene wird jedoch oft von Faktoren aus der geographischen Ebene beeinflusst, denn wenn wir es nicht gerade mit Zeichentrick zu tun haben, muss der Fotograf oder Kameramann die Bildebene in der geographischen Ebene aufbauen. Ebenso sind die geographischen Ebene und die Ebene der Tiefen-Wahrnehmung aufeinander abgestimmt, denn ein großer Teil unserer Fähigkeit, Tiefe in zweidimensionalen Darstellungen genauso gut wahrzunehmen wie in dreidimensionaler Realität, beruht auf Phänomenen in der geographischen Ebene. Tatsächlich hängt die Tiefen-Wahrnehmung noch von vielen anderen wichtigen Faktoren ab als nur von der binokularen, stereoskopischen Sicht; daher vermittelt der Film eine starke Illusion von Dreidimensionalität, und deshalb sind stereoskopische Filmtechniken ziemlich sinnlos.

Wenn die sogenannten 3D-Filmtechniken nur den einen verbleibenden Faktor der Tiefen-Wahrnehmung hinzufügten, wären sie unproblematisch. Die Schwierigkeit besteht darin, dass sie unsere Tiefen-Wahrnehmung in Wirklichkeit verzerren, da sie die Konzentration auf eine einzige Fläche – eine normale Reaktion des Betrachters – nicht zulassen und da sie verwirrende pseudoskopische (das heißt, Vorder- und Hintergrund vertauschende) pseudostereoskopische (links und rechts vertauschende) Bilder hervorrufen.

Quelle: James Monaco – Film Verstehen (Seite 203 – 205; ISBN: 978-3-499-62538-1)

Finanziell gesehen ist es auch nach rund 1 1/2 – 2 Jahren seit Einführung der neuen Technologie ein teures Unterfangen sich einen Film in 3D anzuschauen, da die Kinos immer noch einen 3D-Aufschlag und eine Brillengebühr verlangen. Dazu kommt, dass die Kinos immer noch nicht die Möglichkeit bieten zwischen der 3D- und der 2D-Version eines Films zu unterschieden, sondern ausschließlich die 3D-Version anbieten – dann sucht man sich entweder ein Kino in dem der Film nur in 2D läuft oder muss auf die DVD-/BD-Veröffentlichung warten. Der dadurch entstehende und zu verzeichnende Rückgang der Besucherzahlen belegt zwar, dass der Trend nicht sonderlich gut ankommt, aber dank der teureren Ticketpreise werden die niedrigen Besucherzahlen in Bezug auf den Umsatz so gut wie ausgeglichen.

Insgesamt betrachtet sind die wenigen Nachteile eigentlich unerheblich, aber einige wenige dieser sind in ihrer Wirkung auf den Zuschauer nicht zu unterschätzen und können trotz des Vorteils der Technologie das Filmerlebnis gänzlich trüben.

Mein persönliches Fazit dazu ist:
Auch der jetzige „Versuch“ (obwohl dieser schon seit Ende 2009 läuft) 3D salonfähig zu machen, ist für mich nur ein Schuss in den Ofen, wenn auch ein ziemlich mächtiger, schaut man sich den Aufwand mal genauer an, mit der diese Technologie vorangetrieben wird. Obwohl die Technik seit Avatar dank der „Early-Adopters“ erhebliche Fortschritte gemacht hat.
Aber nach einer guten Anzahl von 3D-Filmen und immer wieder auftretender Ernüchterung, steht meine Entscheidung fest: Ich werde ab sofort jegliche 3D-Vorstellung meiden, auch wenn ich dadurch einige Filme wahrscheinlich erst mit der Heimkinoauswertung zu sehen bekomme, sollten sie nicht in kleineren Kinos in 2D angeboten werden.
Sollten die hier angesprochenen Nachteile ausgemerzt werden, werde ich diesem „Trend“ vielleicht doch noch eine Chance geben.

Weiterführende Links/Quellen:
[1] US-Filmkritiker erklärt den 3D-Film für tot | Golem.de
[2] Why 3D doesn’t work and never will. Case closed. | Chicago Sun-Times
[3] The rules of 3D cinema | Guardian
[4] Erster 3D-Award an Avatar-Regisseur James Cameron vergeben | moviepilot
[5] Is 3-D Dead in the Water? | Slate
[6] The Great 3-D Debate | Slate
[7] Murch And Ebert’s Misguided Malignment Of 3D
[8] A rebuttal of Roger Ebert’s diatribe against 3D cinema

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