HANNA (Rezension)

„Adapt or die!“, dieses – im Film immer wieder auftauchende – Dogma ist auf die aktuelle Filmwelt sehr gut übertragbar, schaut man sich die Mehrheit der Filme einmal an, die veröffentlicht werden. Remakes, Reboots, Fortsetzungen und der gleichen wo man nur hinschaut. Da ist es sehr erfrischend, wenn solch mutigen Filme wie HANNA veröffentlicht und einem entsprechend großem Publikum gezeigt werden.

Die Geschichte von HANNA ist – oberflächlich betrachtet – für einen Film dieses Genres entsprechend einfach gehalten: Hanna wird seit ihrer Geburt von ihrem Vater Erik Heller – einem ehemaligem CIA-Agenten – weit ab von jeglicher Zivilisation und moderner Technik in der finnischen Wildnis zu einer perfekten Killerin ausgebildet. Sie fühlt sich nach rund 16 Jahren „bereit“ und so wird sie nach persönlicher Entscheidung und kurzer Vorbereitungszeit auf eine „Mission“ geschickt.
Der weitere Verlauf der Geschichte ist simpel konstruiert, ist aber durchaus effektiv, denn Wright versteht es ihr seine eigene Note zu verpassen und so ist es nicht verwunderlich, dass sie „unter der Oberfläche“ mit den typischen Mechanismen daherkommt, die man aus den Dramen Wright’s kennt. HANNA ist neben all der Action vielmehr ein „Coming of Age“-Film, bei dem es um ein Mädchen geht, das gerade erst in eine ihr völlig unbekannte Welt geworfen wird und keinerlei persönliche Identität oder Erfahrung hat. Und auf eben diesem Weg – dem Sammeln von Erfahrungen und dem finden der eigenen persönlichen Identität -, muss sie immer wieder mit den verschiedensten Situationen zurecht kommen, die auf immer unterschiedliche Weise gelöst werden – auch wenn einige den Einsatz von Gewalt erfordern.
Glücklicherweise nimmt sich der Film dabei nicht allzu ernst und kann die teilweise bedrohliche Atmosphäre mit gekonnt eingebrachten Lachern ein wenig auflockern, denn man fühlt förmlich wie unbeholfen Hanna ob ihrer Unerfahrenheit doch manchmal ist. Man könnte sogar meinen, dass Wright hier bewusst eine empathische Ebene mit dem Zuschauer aufbaut, um die Figur der Hanna trotz ihrer Herkunft so natürlich wirken zu lassen, wie es nur möglich ist.

Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass Wright mit Saoirse Ronan keine ihm unbekannte Schauspielerin gecastet hat, stand sie für ihn doch schon in Atonement vor der Kamera und hat – trotz Nebenrolle – ihr schauspielerisches Talent bewiesen. In HANNA jedoch, zeigt sie, dass sie weit mehr Potenzial hat. Ihre Darstellung der Hanna ist grandios, denn ihr sehr nuanciertes Schauspiel zwischen der jahrelang trainierten Killerin und dem Mädchen welches die Welt nicht kennt, ist ausgesprochen real und wirkt zu keiner Zeit falsch oder aufgesetzt. Ich möchte nicht sagen, dass der Film allein dank ihr getragen wird, aber Saoirse Ronan trägt einen sehr großen Teil dazu bei.
Denn es sind auch die anderen Rollen, wie z.B. die des Erik Heller, der Marissa Wiegler oder der Familie der Hanna begegnet, die ihren ebenso wichtigen Teil dazu beitragen. Cate Blanchett z.B. besticht mit ihrer finsteren Darstellung als extrem pedantische, erfolgsorientierte und skrupellose CIA-Agentin Marissa Wiegler, die ihre Zähne solange klinisch säubert bis das Zahnfleisch anfängt zu bluten.

Obwohl man bei der Geschichte vermuten könnte, dass es sich um einen gewöhnlichen Actionthriller handelt und dass man seit Greengras‘ Bourne nicht mehr viel in dieser Richtung entwickeln kann, so beweist Wright dank der gesammelten Erfahrung durch seine früheren Filme, dass es auch anders geht und man auch in diesem Genre noch gewisse Akzente setzen kann. Denn er versteht es, sein Debüt in diesem Genre nicht als klassischen Actioner zu präsentieren, sondern lässt ihn durch seine genreuntypische Inszenierung als einen eigenständigen Beitrag stehen. Er verzichtet bewusst auf harte und schnelle Schnitte wie man sie vielleicht aus der Bourne-Trilogie kennt, wechselt gekonnt zwischen Ruhe (als sehr gutes Beispiel sei hier der sehr intime in Nahaufnahme und in extrem warmen Farbtönen gefilmte Dialog zwischen Hanna und Sophie erwähnt) und Action, lässt eher Bildsprache als Effekthascherei sprechen (der Film endet wie er anfängt), ja sogar die choreografierten Kämpfe muten eher wie Tänze denn als Kämpfe an. Darüber hinaus lässt sich Wright es nicht nehmen, wieder eine Plansequenz in einen Film einzubauen, denn man erinnere sich nur an die gut fünfminütige Sequenz aus Atonement, in der Robbie in Dunkirk ankommt.
Auch sind es die ausgewählten Schauplätze, die zur der im Film vorherrschenden Atmosphäre und zu Wright’s Inszenierung beitragen, sind es doch nicht irgendwelche generischen Schauplätze, sondern meist landschaftliche Spiegelungen der extreme die Hanna durchmachen muss, wie z.B. das unerbittliche Training ihres Vaters in der finnischen Wildnis oder die emotionale Gleichgültigkeit die Hanna in Berlin entgegenschlägt.

Wirkt der Stil von Wright’s Inszenierung für dieses Genre schon recht außergewöhnlich, so wird dieses Gefühl durch den Soundtrack der Band The Chemical Brothers noch verstärkt. Anfangs stellt man sich nämlich noch die Frage, ob das überhaupt miteinander harmonieren kann, aber je länger der Film läuft umso mehr bilden Inszenierung und Soundtrack eine treibende Kulisse. Denn gerade diese ungewöhnliche Harmonie macht den Film erst zu dem was er ist.

Trotz all der positiven die ich bis jetzt aufgezählt habe, gibt es auch ein paar wenige Aspekte im Film, die mir im Nachhinein doch ein wenig sauer aufgestoßen sind. Denn obwohl der Film eine größtenteils europäische Produktion und Wright selbst Brite ist, so hat man es nicht vermeiden können, einige typische Klischees mit einzubauen, die man so eigentlich nur von zweitklassigen amerikanischen Produktionen gewöhnt ist. Der Effekt ist zwar nur marginal, aber er nimmt gewissen Szene ihre Ernsthaftigkeit und somit wirken diese unfreiwillig komisch.
Auch der nächste Punkt wiegt eigentlich nicht wirklich schwer, aber hat mich hin und wieder doch etwas gestört und zwar geht es um das Sprachcoaching (wenn man das so nennen kann). Der Film ist – zumindest im O-Ton – „multilingual“ (die „“ weil es meist nur ein paar Sätze sind) und den meisten Teil davon übernimmt Soairse Ronan, spricht sie doch mit Leichtigkeit Deutsch, Italienisch, Spanisch und Arabisch (das sogar in einer längeren Dialogszene) und ihr Englisch mit Akzent. Was mich nun gestört hat, waren die im Gegensatz zu Ronan sehr holprigen deutschen Dialoge von Blanchett und Hollander während des Films. Wo ich mich frage, warum das bei Ronan mit vier Sprachen wunderbar klappt, aber bei den beiden mit nur einer Sprache dann nicht!?
Weitere größere Kritikpunkte habe ich für mich nicht finden können, sind es ansonsten mehr kleinere Sachen, die den einen oder anderen möglicherweise stören könnten, wie z.B. extrem verwackelte Szenen (die zum Glück nur sehr selten vorkommen) und ähnliches.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass HANNA für mich auf Grund seiner Geschichte, seiner Inszenierung, der schauspielerischen Leistung, des Soundtracks und seiner insgesamt außergewöhnlichen Art der bis dato beste Actionthriller dieses Jahres ist.

9/10

Filminformationen:
Regisseur: Joe Wright
Autoren: David Farr, Seth Lochhead
Herstellungsland: UK, USA, DE
Genre: Action, Thriller
Besetzung: Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett, Tom Hollander
Starttermin DE: 26.05.2011

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