SPRING BREAKERS

Nach TRASH HUMPERS meldet sich Harmony Korine – einer der bekanntesten und vielleicht bedeutendsten Independentregisseure Amerikas – mit seinem mittlerweile fünften und vielleicht ungewöhnlichsten Film SPRING BREAKERS wieder auf der Kinoleinwand zurück.

„Von Kindesbeinen an sind Brit (Ashley Benson), Candy (Vanessa Hudgens), Cotty (Rachel Korine) und Faith (Selena Gomez) beste Freundinnen. Jetzt stehen die Spring Breaks vor der Tür und die vier wollen, wie so viele Mädchen in ihrem Alter, nach Florida und dort richtig Gas geben. Das nötige Kleingeld, um den Trip zu finanzieren, beschaffen sie sich kurz entschlossen durch einen Überfall – und überschreiten damit eine gefährliche Grenze, von der es kein Zurück gibt. Euphorisch stürzen sich die Mädchen ins Abenteuer, taumeln von einem Exzess zum nächsten, bis sie auf einer Drogenparty festgenommen werden und im Knast landen. Rettung naht in Gestalt des unberechenbar-charismatischen Drogendealers Alien (James Franco), der die Mädchen aus dem Gefängnis holt. Durch seinen exzessiven Lebensstil beeindruckt er die vier und schnell stellt sich eine gefährliche Verbundenheit zwischen Alien und den „Spring Breakers“ ein. Gemeinsam erleben sie den wildesten Trip ihres Lebens.“ [1]

Doch trügt die erste Annahme – sei es an Hand der Trailer oder der Filmbeschreibung und/oder die oberflächliche Betrachtung des Films -, dass es sich dabei um einen typischen bzw. trashigen „beach flick“ handelt, der die vier Protagonistinnen dabei begleitet, wie diese ihren Spring Break verbringen und dabei eventuell auf die schiefe Bahn geraten. Nein, SPRING BREAKERS ist viel mehr als das.
Spring Break, Synonym sowohl für die mehrwöchige, vorlesungsfreie Zeit an Colleges und Universitäten vor und nach den Osterfeiertagen, als auch für die in diesem Zeitraum stattfindenden Partys, Exzesse und all dem um diese Zeit herum entstehenden Medienwirbel (MTV z.B. sendet seit ca. 1986 jedes Jahr acht Stunden live aus Florida), dient Harmony Korine als Kernthema des Films, an dem er sich immer wieder festhält, um neben diesem noch andere – u.a. auch damit einhergehende – Themen zu verarbeiten. Der Film ist sowohl als Hommage als auch als Farce oder Kritik dessen zu verstehen.
Dies wird auch gleich zu Beginn des Films deutlich, der mit seiner mehrminütigen Sequenz an die erwähnte Liveübertragung von MTV erinnert: blaues Meer, blauer Himmel, strahlende Sonne, weißer Strand, betrunkene und hemmungslose Studenten und Studentinnen, entblößte Brüste, sowie die zeitgenössische Musik (hier Skrillex mit „Scary Monsters and Nice Sprites“). Auch wenn der Zuschauer durch dieses audiovisuelle „Gewitter“ zunächst überwältigt und überfordert ist, so ist das Gezeigte nämlich genau der sehnsüchtig erwartete Rückzugsort vom langweiligen und repressiven College-Alltag vieler Studenten und Studentinnen, an dem sie sich austoben und ihre bis dahin unterdrückte Freiheit auskosten können. Korine vereint somit schon in den ersten Minuten Medien- und Gesellschaftskritik – der Kontext erschließt sich mit fortwährender Laufzeit -, nur hört er an dieser Stelle nicht einfach auf, sondern treibt dieses Spiel während des Films immer weiter. Sei es die Darstellung des schon erwähnten College-Alltags (gelangweilte Menschen in dunklen Räumen vor leuchtenden Monitoren), das Vorführen der amerikanischen Jugend (Party, Exzesse und ein Habitus wie man ihn aus Social Networks kennt), die weitere Demontage des Spring Break mit samt seinen sexistischen und voyeuristischen Zügen (die vier Protagonistinnen z.B. sind immer in Bikini zu sehen und sind trotz dessen keine bloßen Opfer, sondern vielmehr emanzipierte Frauen, die den Spieß sogar umdrehen), die Demontage des mittlerweile pervertierten amerikanischen Traumes (stellvertretend dafür ist Alien, der explizit sagt er lebe den „amerikanischen Traum“ inkl. seinem Faible für SCARFACE) oder die Entzauberung von Disney und deren Stars (die Besetzung mit Gomez und Hudgens ist eine kalkulierte Exploitation des typisch braven Disneystars oder die kontextuell falsche Nutzung von Britney Spears-Liedern wie „Everytime“).
All die genannten, von Korine aufgegriffenen, Kritikpunkte, stehen allerdings nicht gesondert für sich, sondern greifen weitestgehend ineinander, so dass sich ein gesamtheitlicher Kontext ergibt; die Lesart dessen überlasst er dann aber dem Zuschauer selber. Beatrice Behn schreibt z.B. „… sondern ein fetter Mittelfinger, der eine ganze Gesellschaft in ihrer Verlogenheit entlarvt.“.

Trotz alledem gibt es auch einige wenige Punkte, die mir nicht ganz so gefallen haben. Zum einen fehlte mir persönlich stellenweise eine gewisse Radikalität wie man es vielleicht aus KIDS (Korine war nur für das Drehbuch zuständig) kennt und zum anderen fand ich es etwas befremdlich, dass sich Korine teilweise dazu verleiten lässt Stilmittel (Schwarzlicht am Steg von Archies Villa), Charaktere (Alien), Dialoge (Aliens Erzählung darüber, das er der einzige Weiße an seiner Schule war) und Szenen (die Billardhalle, Archies Club und Villa am Ende) zu nutzen, die möglicherweise als eine Art „black facing“ bzw. als stereotype Sichtweise auf die afroamerikanische Kultur (miss)verstanden werden können.

In seinen Aussagen bekräftigt wird der Film vor allem auch durch seine optische und akustische Präsentation; so werden z.B. die einzelnen Abschnitte/Kapitel des Films mit einem Entsicherungsgeräusch einer Waffe unterlegt, um die omnipräsente Gewaltbereitschaft zu verdeutlichen, die außen stattfindenden Spring Break-Partys sind – wie oben schon erwähnt – ganz im Stil der Fernsehübertragungen gehalten, Partys in Räumen ganz im Stil von z.B. Handyaufnahmen, die sich immer wiederholenden Twitter-ähnlichen Dialoge werden mit ebenso sich immer wiederholenden Szenen dargestellt, die (unausweichlichen) Ereignisse im Film werden mit einzelnen Szenen vorweg genommen, und ähnliches.
Unterstützung bekam Harmony Korine dabei u.a. von Benoît Debie, der schon für Gaspar Noés IRREVERSIBLE und ENTER THE VOID als Kameramann gearbeitet hat und auch für SPRING BREAKERS entsprechende grelle und neonfarben-durchtränkte Bilder liefert und von Cliff Martinez und Skrillex, die für den Original Soundtrack verantwortlich waren – wobei die Lieder von Martinez hier und da an DRIVE erinnern.

Jedenfalls, man muss schon seinen Hut vor Harmony Korine ziehen. Er hat mit einem geschätzten Budget von rund fünf Millionen US-Dollar, den wohl bis dato kontroversesten und interessantesten (Independent-)Film in diesem Jahr geschaffen. Ein Film der je nach Rezipient unterschiedlich aufgefasst werden kann und der genügend Stoff für Diskussionen liefert. Somit hat Korine bewiesen, dass das Kino nicht nur zur schnöden Unterhaltung da ist, sondern auch eine Reibungsfläche bildet und der Erfolg des Films (weltweites Einspielergebnis liegt aktuell bei rund elf Millionen US-Dollar) gibt ihm Recht.

Abschließend bleibt nur zu sagen, dass SPRING BREAKERS mir persönlich – mit Abstrichen – sehr gut gefallen hat, da er nicht nur eine trashige Oberfläche bietet, sondern genügend Anreize um ihn zu analysieren und zu diskutieren.

“Spring Break forever, bitches!” – Alien

7/10

Filminformationen:
Regisseur: Harmony Korine
Autoren: Harmony Korine
Herstellungsland: USA
Genre: Drama, Krimi, Komödie
Besetzung: James Franco, Vanessa Hudgens, Selena Gomez, Ashley Benson, Rachel Korine
Starttermin DE: 21.03.2013

Quellen:
[1] http://www.springbreakers-film.de/#synopsis

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