31. Filmfest München – Festivalbericht Teil 1

Wie schon im letzten Jahr gibt es wieder einmal ein persönlichen Resümee des Filmfest München von mir; allerdings mit einer kleinen Verzögerung, wie ihr aber sicherlich schon bemerkt habt.

Das komplette Filmfestprogramm findet ihr hier und eine erste Übersicht über alle von mir gesehenen Filme inklusive Bewertungen findet ihr in meiner Liste.

Damit soll es nun genug der Einleitung sein und wir kommen zum Eigentlichen.

Tag 1: eine Freundschaft unter Künstlern, Acid und Shakespeare

Der erste Tag des Filmfest München fing nicht sofort mit einem Film an, sondern mit dem Besuch der Blackbox im Gasteig, in der oft Diskussionen, Vorstellungen, Interviews und ähnliches gehalten werden. Die Freude war auch ungemein groß, da Nicholas Winding Refn und Alejandro Jodorowski zusammen im Gespräch waren und über ihre Freundschaft, ihre Kollaboration bezüglich der Verfilmung von The Incal und die nie zustande gekommene Verfilmung von Dune durch Jodorowski gesprochen haben. Und Jodorwski hat es sich nicht nehmen lassen, wieder über Hollywood herzuziehen und das mit einer gewohnten Deutlichkeit.

Nach oder besser gesagt noch während der Blackbox ging es dann auch zu ONLY GOD FORGIVES, ein Film auf den ich mich seit seiner Ankündigung wirklich sehr gefreut habe.
Als Julien erfährt, dass sein Bruder Billy auf Geheiß eines undurchsichtigen und pensionierten Polizisten vom Vater der von Billy getöteten Tochter umgebracht wird, setzt er alles daran, den Polizisten aufzuspüren und den Tod seines Bruder zu rächen. Als dann auch noch seine Mutter auftaucht spitzt sich die Situation für Julien zu.
ONLY GOD FORGIVES kann man durchaus – wie einige schreiben – als eine Art dritten Teil einer Trilogie auffassen bzw. als eine Art „spiritual successor“, der eine Mischung aus VALHALLA RISING und DRIVE darstellt. Der Film wirkt dank der erneut großartigen Inszenierung von Refn – eine klare Steigerung zu beiden Filmen –, dem zu VALHALLA RISING nicht unähnlichen Soundtrack von Martinez und der ästhetisierten Gewalt wie ein künstlerischer und fiebriger Albtraum mit einer unglaublich dichten und bedrohlichen Atmosphäre und markiert die Rückkehr von Refn zu seinem eher mainstream-inkompatiblen Kino. Er selbst meinte bei der Vorstellung des Films auch, ONLY GOD FORGIVES wäre wie ein guter Trip auf Acid.

Nachdem ONLY GOD FORGIVES dann zu Ende und ich im Begriff das Kino zu verlassen war, gab es noch einen kleinen Zwischenfall: Auf einmal kam mir eine kleine Traube an Menschen mit schnellem Schritt entgegen, umringt von finster dreinblickenden Personenschützern, die jeden aus dem Weg getrieben haben und in Mitten derer war ein einzelner, älterer und leicht irritiert wirkender Mann. Es war kein geringerer als Sir Michael Caine.
Das sollte bis zum Ende auch das einzige große Erlebnis dieser Art geblieben sein.

Der zweite und letzte Film für diesen Tag war MUCH ADO ABOUT NOTHING, die filmische Adaption von Shakespeares gleichnamigen Stück durch Joss Whedon, in der sich alles um Benedick und Beatrice und zum anderen um Claudio und Hero dreht.
Much Ado About Nothing gilt gemein hin als eine von Shakespeares besten Komödien, die sich vor allem durch die Verarbeitung verschiedener Motive wie Geschlechterrollen, Identitäten, Untreue sowie eine reelle Darstellung von Liebe auszeichnet, was auch dazu führt, dass sie trotz ihres generell humorvollen und fröhlichen Tons mit dunkleren Belangen durchsetzt ist, die mit den angesprochenen Motiven einhergehen. All das ist gerade für Joss Whedon bestes Ausgangsmaterial, welches er – trotz Beibehaltung der Originaltexte – mit einer scheinbaren Leichtigkeit in das Hier und Jetzt transportiert (die Implikationen des Stückes sind nachwievor zeitgemäß, was hierdurch nur bestätigt wird) und diesem zusätzlich noch seine eigene Handschrift verpasst.
Dazu kommt dann noch das wunderbar aufgelegte Ensemble (hauptsächlich bestehend aus Freunden und „Dauerschauspielkollegen“ von Joss Whedon) und die dadurch entstehende Atmosphäre, was MUCH ADO ABOUT NOTHING zu einem kleinen Geheimtipp macht, den sich nicht nur Whedon- und/oder Shakespeare-Fans anschauen sollten.

Tag 2: politische Intrigen, Esoterik und Ökoterrorismus

Der erste Film des zweiten Tags war zugleich auch mehr oder weniger Geschichtsstunde, denn in THE LAST SUPPER dreht sich alles um den scheidenden Kaiser Liu Bang der frühen (westlichen) Han-Dynastie, der in seinen letzten Tagen von seinen Ministern und seiner Frau den Kopf von General Xin als Geschenk überreicht bekommt. Darauf hin wird Kaiser Liu von den Geistern seiner früheren Kontrahenten Lord Xiang Yu und General Xin heimgesucht, die er nicht nur bekämpft sondern über die Zeit auch hintergangen hat, um Kaiser zu werden.
Lu Chuan zeichnet damit nicht nur ein Bild des frühen Chinas und wie dieses durch Intrigen, Verrat, Krieg und anderes entstanden ist, sondern der Film funktioniert auch als Allegorie auf das heutige China, in dem sich ähnliche Verhaltensweisen finden lassen, denn wenn es um den Machterhalt geht, wird alles versucht um den politischen Gegner auszuschalten.
Lu Chuans Historienfilm besticht neben seiner Dialog- und Monologlastigkeit – was durchaus auch negativ aufgefasst werden kann und darf –, vor allem durch seine audiovisuell beeindruckende Inszenierung und den gut gewählten Cast.
THE LAST SUPPER ist kein Film für jedermann, aber ein durchaus interessanter Beitrag zu Chinas frühester Geschichte.

Danach ging es dann zum nächsten Kino, um Lynn Sheltons fünften Film TOUCHY FEELY zu schauen, hat mich letztes Jahr doch ihr Film YOUR SISTER’S SISTER durchaus positiv überraschen können. In TOUCHY FEELY wird der Blick auf die erfolgreiche Masseurin Abby gerichtet, die eines Tages eine Aversion gegen Körperkontakt entwickelt und bringt damit ihr kleines soziales Umfeld komplett aus der Balance, wodurch alle vor ungeahnte Proben gestellt werden.
In dem Film geht es vor allem darüber, was mit einem Menschen unbewusst passieren kann, wenn dieser kurzfristig und ohne Vorahnung vor Entscheidungen gestellt wird, zu denen er noch lange nicht bereit ist und was das für Ursachen auf sein soziales Umfeld hat, welches davon indirekt betroffen ist.
TOUCHY FEELY ist ein herzlich verschrobener Film mit einem leichten Hang zur Esoterik, bei dem Shelton erneut ihr Können im Umgang mit einem wunderbar gewählten Cast und in einer zurückhaltenden Inszenierung unter beweist stellt. Allerdings vermisse ich die in YOUR SISTER’S SISTER förmliche spürbare Intimität, die in TOUCHY FEELY durch den Umfang an Figuren, Umgebungen und Geschichte größtenteils verloren gegangen ist.

Den Tagesabschluss bildete THE EAST von Zal Batmanglij, der mit Brit Marling schon bei SOUND OF MY VOICE zusammen gearbeitet hat. Inhaltlich geht es in dem Film um eine Agentin eines privaten Geheimdienstes, die in eine „ökoterroristische“ Gruppierung namens The East eingeschleust wird um deren Pläne und Ziele herauszufinden und diese schlussendlich auch aufliegen zulassen.
Die Prämisse des Films und seine gewählten Thematiken wie Ökoterrorismus/-anarchismus, Kapitalismus und private Geheimdienste klingen auf dem Papier zwar durchaus interessant und bieten genügend Potenzial um einen kritischen und tiefgründigen Film zu schaffen, nur wird eben das bei THE EAST nicht gemacht. Vielmehr werden diese Themen lediglich grob angerissen und teilweise romantisierend dargestellt, um einen arg durchschnittlichen, simpel konstruierten und gewöhnlich inszenierten Thriller zu schaffen, bei dem natürlich auch die obligatorische Liebelei und ein beschränkt positives Ende nicht fehlen darf. Hinzu kommt, dass die Figuren im Film ausschließlich schnöde Abziehbilder sind, denen jegliche Tiefe verwehrt bleibt – was leider auch auf Alexander Skarsgard und Ellen Page zutrifft, die zum einen absolut unterfordert wirken und zum andern wohl auch als Zugpferde für den Film herhalten durften.
Ein Film den man sich in dieser Form hätte sparen können, da half auch die durchaus nette Q&A im Anschluss nichts mehr.

Tag 3: der amerikanische Traum und eine Menge Gangster

Der dritte Tag begann mit BEKAS, einem Beitrag des 31. Kinderfilmfest.
BEKAS erzählt die Geschichte der beiden obdachlosen und verwaisten Brüder Dana und Zana, die ihr Leben als Schuhputzer verdingen um über die Runden zu kommen. Als eines Tages in einem kleinen Kino in ihrer Stadt der Film Superman läuft und sie ein paar Bilder von diesem erhaschen, fassen sie den Entschluss nach Amerika zu gehen um Superman zu finden, damit er ihre Probleme lösen kann – was so seine Probleme mit sich bringt.
BEKAS von Karzan Kadar basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2011 und ist ein unterhaltsames, emotionales und erstaunlich gut inszeniertes Road Movie, dessen Geschichte in den 1990er Jahren in einem brutalen, von Saddam Hussein beherrschten Irak verortet und somit auch ein Abbild der damaligen Zeit ist. Darüber hinaus verliert der Film trotz seiner Leichtigkeit nie die eigentliche Ausweglosigkeit des Unterfangens der Brüder aus den Augen und lässt zuweilen immer die richtige Portion Tragik durchscheinen, ohne dabei sein eigentliches Zielpublikum zu vergessen.

Beim zweiten Film begeben wir uns auf den Weg von Vorderasien nach Ostasien und erleben wie in THE THIEVES zwei Gruppen von Dieben (eine aus Hongkong und eine aus Südkorea) unter der Obhut von Macao Park, den Raub eines 20 Millionen US-Dollar teuren Diamanten planen und durchführen. Allerdings hat so ziemlich jeder einzelne Dieb zum einen so seine Probleme mit Macao Park und zum anderen seine ganz eigenen Interessen und Geheimnisse, was schon bald zu einem Katz-und-Maus-Spiel ausartet.
Nach TAZZA und WOOCHI kehrt Regisseur Choi Dong-hoon mit THE THIEVES wieder zum Heist-Genre zurück und liefert einen Blockbuster erster Güte ab. Sei es die intelligent verzwickte, aber nie gewollt wirkende und rasant erzählte Geschichte, die Inszenierung, die toll choreographierten Stuntsequenzen oder der beeindruckende Cast aus namenhaften chinesischen und südkoreanischen Schauspielern. All das fügt sich zu einem spannenden, witzigen und kurzweiligen Heist-Movie/Blockbuster zusammen, dessen Erfolg nicht von ungefähr kommt und für sich spricht.

Vom Osten geht es nun in den Westen, genauer nach Nordvest, einem Stadteil von Kopenhagen. Dieser ist Dreh- und Angelpunkt von Michael Noers zweiten und gleichnamigen Film NORTHWEST. Noer, der 2010 schon mit seinem Spielfilmdebüt R auf dem Filmfest vertreten war, schildert in NORTHWEST das Leben von Casper, der für Jamal Einbrüche verübt, um seine Familie finanziell zu unterstützen und zu helfen. Aber wie viele Kleinkriminelle will auch Casper mehr und fängt an für Björn zu arbeiten, was nicht nur für ihn fatale Folgen hat.
Wie auch schon R, ist NORTHWEST trotz seiner fiktiven Geschichte eine überaus realistische Milieustudie, was nicht zuletzt Noers früheren Arbeiten als Dokumentarfilmer und dem damit einhergehenden Inszenierungsstil und den, bis auf die zwei Brüder, hauptsächlich aus Nordvest stammenden Jugendlichen zu verdanken ist. Dieses Mal befasst sich Michael Noer allerdings nicht vordergründig mit Gewalt und Verhaltensweisen von Gangs, sondern schildert was Familie und Sozialisation innerhalb von Gangs für dieses soziale Umfeld bedeuten und wie einfach es ist auf Grund falscher Vorstellungen, Wünsche und einem falschen Umfeld in einen Sog zugeraten aus dem es keinen wirklichen Ausweg mehr gibt.

Der vierte und letzte Film des Tages war WASTELAND, das Spielfimdebüt von Rowan Athale, in dem wir Harvey Denton dabei zusehen, wie er zusammen mit seinen besten Freunden einen Coup ausarbeitet, um zum einen genügend Geld für eine Partnerschaft eines Coffee-Shops in Amsterdam zu erbeuten und zum anderen um sich gleichzeitig an dem lokalen Drogenboss für dessen Intrige an ihm zu rächen.
WASTELAND hat alle Voraussetzungen dafür um als klassisches Heist-Movie durchzugehen; eine Gruppe sympathischer Freunde, die Exfreundin, eine Intrige, Rache und das Gefühl alles sei vergeben sobald Gerechtigkeit – auch die der Straße – obsiegt. Daneben bietet er zugleich auch genügend Überraschungen, um mit Größen wie THE UNUSUAL SUSPECTS, OCEAN’S ELEVEN und anderen verglichen werden zu können. Aber genau hier versagt der Film auf ganzer Linie, da er trotz seiner Voraussetzungen und des Stilmittels des „unzuverlässigen Erzählens“ keinerlei Akzente zu genannten Größen setzen und sich somit nicht von ihnen distanzieren kann. Da helfen auch die sympathischen Jungdarsteller und die Verortung der Geschichte in eine nordenglische Kleinstadt nichts.

Tag 4: märchenhafte Stierkämpfe und mehrteilige Kapitalismuskritik

Der vierte Tag begann mit dem prämierten spanischen Stummfilm BLANCANIEVES von Pablo Berger, in welchem er das Märchen Schneewittchen der Gebrüder Grimm in das Spanien der 1920er Jahre transportiert und es in diesem kulturellen Kontext neu interpretiert.
Der bekannte Torero Antonio Villalta wird auf Grund einer Unachtsamkeit von einem Stier aufgespießt und schwer verletzt. Als auch seine Frau bei der Geburt ihrer Tochter stirbt, heiratet die Krankenschwester Encarna Antonio um ein vollendetes Leben zu führen. Allerdings ist ihr das nicht genug und hegt den Plan sowohl Antonio als auch Carmen umzubringen.
Durch den schon erwähnten kulturellen Kontext der Neuinterpretation ist es Berger möglich genauer über die in den Grimm-Märchen vorkommenden Geschlechterrollen zu reflektieren und diese letzten Endes auch aufzubrechen, wie man am Beispiel von Carmen bzw. Blancanieves sehr schön beobachten kann. Überdies bietet er mit seiner Neuinterpretation einige andere überraschende Neuerungen und auch das spielerische Verweisen auf andere Grimm-Märchen kommt nicht zu kurz.
All dies verbindet Pablo Berger mit der künstlerischen Ästhetik des schwarz-weißen Stummfilms und schafft damit ein wundervoll komisches und tragisch düsteres Melodram, mit dem er sich auch vor den Klassikern des Genres verneigt.

Nach diesem Ausflug in die märchenhafte Welt des Stummfilms, ging es mit A TOUCH OF SIN zurück in die brutale Realität eines durch Kapitalismus geplagten Chinas.
Ein Minenarbeiter geht gegen die Korruption der Dorfvorsitzenden vor, ein Wanderarbeiter mordet sich durch das Land um seine Familie finanziell zu unterstützen, eine Rezeptionistin einer Sauna wehrt sich gegen ihre männliche Kundschaft und ein junger Fabrikarbeiter versucht sein Leben mit wechselnden Jobs zu verbessern.
Basierend auf vier in China sehr bekannten Todesfällen, die vom Norden bis zum Süden über das ganze Land hinweg stattfanden, zeichnet Jia Zhangke ein bitterböses Porträt des heutigen Lebens in China und verdeutlicht wie die immer größer und schneller werdende Schere zwischen Arm und Reich vor allem die armen, kleinen Leute vor immer größere Probleme und persönliche Krisen stellt. Und der scheinbar einzige Ausweg aus diesen Situationen – auch um die eigene Würde zu bewahren – ist Gewalt, Gewalt gegen andere und sich selbst.
Interessant dabei ist auch wie Jia Zhangke zum einen die vier von einander unabhängigen Geschichten verbindet, so dass es scheint, als ob diese Vorfälle alle mit einander verwoben wären und zum anderen jeweils ein anderes Genre pro Geschichte verwendet um diese zu erzählen.

Bewertungen:
ONLY GOD FORGIVES – 8/10
MUCH ADO ABOUT NOTHING – 8/10
THE LAST SUPPER – 7/10
TOUCHY FEELY – 6/10
THE EAST – 4/10
BEKAS – 7/10
THE THIEVES – 7/10
NORTHWEST – 7/10
WASTELAND – 5/10
BLANCANIEVES – 8/10
A TOUCH OF SIN – 7/10

So, die erste Halbzeit ist geschafft und ich bin für diese Woche mit meinem Resümee des 31. Filmfest München fertig.
Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit und hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und freue mich euch nächste Woche wieder begrüßen zu dürfen.

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